"Elternschule": Ein Kommentar aus rechtspsychologischer Sicht

 

Eingangs möchten wir auf folgende Stellungnahmen verweisen, denen wir uns als Praxisteam Psychoforensik vollumfänglich anschließen:

 

Weiterhin schließen wir uns den Ausführungen von Herrn Prof. Dr. med. Brisch und Herrn Dr. med. Renz-Polster an:

 

Abschließend wollen wir als Psychologinnen, die den Film gesehen haben, die Diskussion um rechtspsychologische Aspekte ergänzen.

 

Als Sachverständige werden wir u.a. mit Fragestellungen konfrontiert, welche das Kindeswohl betreffen. Umso befremdlicher ist es für uns, zu sehen, dass in einer Institution wie der Gelsenkirchener Klinik Maßnahmen erfolgen, welche dem Kindeswohl keineswegs entsprechen. Vielmehr werden in der Klinik kindliche Grundbedürfnisse (Bindung, Unversehrtheit, Orientierung, Kontrolle; Borg-Laufs & Dittrich, 2012) verletzt.

Die Ausführungen fokussieren sich nunmehr auf rechtspsychologische Aspekte:

 

In einer Szene des Films wird z.B. gezeigt, wie eine Mutter, die auf ihr Kind emotional feinfühlig bzw. responsiv reagieren wollte – hierunter wird die angemessene feinfühlige Reaktion seitens einer Bezugsperson auf kindliche Bedürfnisse verstanden (z.B. Dettenborn & Walter, 2015) – dazu angehalten wird, ebenjene emotional feinfühlige mütterliche Reaktion bei sich zu unterbinden. Diese Szene findet in einem Untersuchungsraum der Klinik statt, neben einem Arzt war auch weiteres Personal zugegen. Die Mutter erhielt die Anweisung, das Trost und nähe suchende Verhalten ihres schreienden und weinenden Kindes nicht zu beantworten, sondern vom Kind abzurücken. Diese Szene ist nur exemplarisch für weitere Szenen im Film, in welchen den Eltern emotionale Feinfühligkeit untersagt worden ist.

 

In einer weiteren Szene wurden Kinder in die sogenannte „Mäuseburg“ verbracht, eingangs wurde eine Szene eingeblendet, in welcher der leitende Psychologe den Eltern in lakonischem Tonfall erklärte, dass die Kinder in dieser herbeigeführten Trennungssituation - sinngemäß - irgendwann alle Register zögen und alles aufböten, was sie in ihrem angeblichen „Werkzeugkasten“ hätten. Damit war das ganze Repertoire an Weinen und Schreien gemeint, welches nach Auffassung von Herrn Dipl. Psych. Langer seitens Kinder – ungeachtet ihres Entwicklungsstandes, ungeachtet kindlicher Grundbedürfnisse – instrumentell eingesetzt wird. In besagter „Mäuseburg“ wurde dann schließlich u.a. ein kleines Kind gezeigt, welches aufgrund der erfolgten Trennung von seiner Bezugsperson, und ohne in seiner deutlich sichtbaren Not Trost oder Ansprache seitens des anwesenden Personals erhielt, derartig verzweifelte, dass es sich weinend und schreiend unter einem Waschbecken versteckte, immer wieder hilfesuchend die Arme ausstreckte, die Wand berührte. Im Gesicht des Kindes zeigte sich ganz eindeutig Panik, seine Augen waren weit aufgerissen, immer wieder schaute es sich suchend in alle Richtungen um. Das Kind hörte erst dann auf zu schreien, als es völlig erschöpft gewesen ist. Hier wurden aus rechtspsychologischer Sicht ganz eindeutig kindliche Grundbedürfnisse nach Bindung, Orientierung und Kontrolle verletzt (Borg-Laufs & Dittrich, 2012). Auch diese Szene ist exemplarisch für weitere Szenen im Film, in denen die Grundbedürfnisse von Kindern verletzt worden sind. Weiterhin ist diese Szene beispielhaft für die Ausübung emotionaler Gewalt. Dem deutlich notleidenden Kind wurde jegliche Hilfe versagt.

 

Das generelle Konzept der Klinik, verhaltensauffällige - und ggf. bereits bindungsverunsicherte Kinder - über weitere und induzierte Bindungsverunsicherungen therapieren zu wollen, ist für uns aus rechtspsychologischer Sicht absolut nicht nachzuvollziehen und grenzt, mit Verlaub, an völligem Irrsinn. Ein solches Konzept entspricht zudem in keiner Weise den aktuellen wissenschaftlichen Standards der Bindungs- und Entwicklungsforschung.

 

Vielmehr benötigen insbesondere bindungsverunsicherte Kinder ein hohes Maß an Feinfühligkeit ihrer Bezugsperson; sie benötigen positive, und somit korrigierende Bindungserfahrungen, damit ihre Verunsicherungen auf der Bindungsebene - und damit ggf. einhergehende Auffälligkeiten - reduziert werden können. Hierüber herrscht völliger Konsens in der Fachwelt.

 

Auf die potenziellen Entwicklungsrisiken der Vorgehensweisen der Gelsenkirchener Klinik ist bereits seitens fachkompetenter Stelle u.a. von Herrn Dr. med. Renz-Polster hingewiesen worden (Stichwort: erlernte Hilflosigkeit).

 

Als weiteres potenzielles Entwicklungsrisiko erachten wir zusätzlich den Erwerb überangepasster Verhaltensweisen durch die in der Klinik erfolgten Interventionen. So ist aus der Fachliteratur bekannt, dass überangepasste, die eigenen Bedürfnisse zurückstellende Verhaltensweisen ebenso als Auffälligkeiten im kindlichen Verhalten einzustufen sind wie beispielsweise externalisierende Verhaltensauffälligkeiten, da es sich hierbei um Bewältigungsstrategien von Kindern im Umgang mit sie belastenden Situationen handelt (z.B. Castellanos & Hertkorn, 2016). Zusammenfassend gilt: Was scheinbar hilft, ist nicht immer hilfreich!

 

Im Film wird von Eltern erwartet, dass sie bei z.B. vergangenen Schwierigkeiten Einsichtsfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft aufweisen sollen. Diese Erwartungen möchten wir an dieser Stelle an das Personal bzw. die Zuständigkeit der Klinik in Gelsenkirchen formulieren, welche aus unserer Sicht Kritikfähigkeit vermissen lässt, trotz der bereits mehrmals erfolgten und fachkompetenten kritischen Stellungnahmen sowie Kommentare.

 

Wir fordern die Klinik zudem ebenfalls dazu auf, Belege für die Wissenschaftlichkeit ihrer Interventionsmaßnahmen zu liefern.

Wir fordern sie zudem auf, offen zu legen, ob die oben genannten potenziellen Entwicklungsrisiken bei den Interventionen hinreichend berücksichtigt worden sind (Stichwort: und was waren die Nebenwirkungen?) und falls ja, wie diesen ganz konkret begegnet wurde.

Auch wünschen wir uns eine umfassende Aufklärung der als kritisch zu bewertenden Sachverhalte. Dies nicht ausschließlich von der derzeit ermittelnden Staatsanwaltschaft, sondern auch seitens der Klinikleitung.

 

Abschließend wünschen wir uns von unserem Berufsverband BDP eine Stellungnahme zu den Vorgängen in der Gelsenkirchener Klinik, da Herr Dipl. Psych. Langer dem BDP laut Angaben in seiner Vita als Mitglied angeschlossen ist.

 

Wir, als Psychologische Sachverständige, möchten auch fortan guten Gewissens Interventionsempfehlungen geben können, ohne, dass hierdurch das Wohl von Kindern in einer Klinikeinrichtung gefährdet wird.

 

Myriam Albrecht, M.Sc. Rechtspsychologie

Shaghayegh Irani, M.Sc. Psychologie

 

In Kooperation mit Antje Kloft, B.Sc. Psychologie (Sichtweisen-Beratung)

 

 

Literatur

Borg-Laufs, M. & Dittrich, K. (2012). Psychische Misshandlung durch die Verletzung psychischer Grundbedürfnisse. Praxis der Rechtspsychologie, 22(2) (S.390-403)

Berlin: Deutscher Psychologen Verlag GmbH.

Castellanos, H. & Hertkorn, C. (2016). Psychologische Sachverständigengutachten im Familienrecht.

Baden-Baden: Nomos.

Dettenborn, H. & Walter, E. (2015). Familienrechtspsychologie. München,

Basel: Ernst Reinhardt Verlag.

 

Praxisteam Psychoforensik

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